"Fahrrad mit vier Rädern" (H. Schröder, 2001)

Aus symbiotischer Dreisamkeit erwächst Einzigartigkeit - kaum ein Geist, der nicht entzückt wäre von dieser Liebeserklärung an die Symmetrie, diesem Sinnbild geometrischer Eleganz; ein optisches Aphrodisiakum mit der Macht einer Oper und der Feinheit eines Balletts, stellt das "Fahrrad mit vier Rädern" einen vorläufigen Höhe- und Endpunkt in der Kunstgeschichte dar. Ist es doch gelungen, kraft des Verstandes ein Zweirad mit drei Rädern zu erschaffen und ihm nominell gar vier Räder zuzusprechen; das ist optisch wie inhaltlich ein Balanceakt, gewaltig und gewagt, herrlich und hypertroph, so sibyllinisch wie systemsprengend - dies, so raunt es im Kopfe des kunstverständigen Betrachters, führt jegliches Streben der Schöpfung nach Perfektion zu einem jähen Ende.
Definiert sich der Mensch durch seine Fähigkeit, Kunst und Kultur zu erschaffen mit grenzenloser Kreativität, und das Erschaffene gleichsam bewusst zu reflektieren wie sich selbst und seine Umwelt, sieht sich die Spezies hier gezwungen zum Kniefall vor der eigenen Vervollkommnung - einer formalen Perfektion, deren Glanz nur noch überstrahlt wird von der Glorie ihres spektakulären Versagens, auf das einmal mehr die Don-Quijoterie des funktionslosen Antriebs bescheiden hinweist, dessen Zentralstellung als optische Stütze dem gesamten Elaborat zum Verhängnis wird: Die Krone der Schöpfung wird zum Zeitpunkt ihres größten geistigen Triumphes unvermittelt konfrontiert mit dem eigenen Scheitern im epischen Kampf gegen die Zwänge von Natur und Kosmos.
Physikalische Gesetze haben halt von Kunst keine Ahnung.

(H. Schröder, 2003)