Namenloses beschissenes Fahrrad (S. Treplin, 2004)

Mit mikroskopischer Präzision augenfällig geformt, erhält dieses neoklassisch beschissene Fahrrad einer Kieler Kunstdozentin durch die Konfrontation mit animalischem Leben eine auf soziologischer und politischer Ebene ergreifend vielschichtige Aussagekraft.
Auf dem picassoesk schiefen Gepäckträger des durch eine schwebende Stange nur temporär sicher zusammengehaltenen Gefährts sitzt aufrecht bis stolz ein kleiner Maulwurf, der keck zu einem graziösen Lächeln anhebt.
Konterkarierte Resignation - das bizarre Zusammentreffen von erbärmlich gescheiterter Technologie und niederem Leben scheint der Hoffnungslosigkeit dieser Konstruktion die Ernsthaftigkeit, der trostlosen Szenerie in ihrer Gesamtheit die Melancholie zu nehmen.
Geschöpf und Drahtgebilde spenden sich gegenseitig Optimismus und Lebenswillen; ist doch der Maulwurf, der sich sonst im Dreck der Erde durch ein dunkles Leben in Missachtung wühlt, auch Vertreter aller degradierten, vergessenen und unglückseligen Lebensformen - über die Grenzen der Fauna hinaus ist er ein Anwalt aller Menschen, die zur untersten sozialen Schicht gehören und am Bodensatz der Gesellschaft vegetieren.
Diese Kreatur, die zu unseren Füßen lebt, schickt sich hier an, den Hochsitz eines Fahrrades zu erobern; das beschissene Fahrrad als Sinnbild für die strauchelnde Gesellschaft kurz vor der Machtergreifung durch das Proletariat - ja, der bevorstehende Sprung auf den Sattel, der vor dem geistigen Auge des Betrachters unvermeidlich abläuft, ist ein Plädoyer für die Ermächtigung der Unterprivilegierten dieser Welt mit fast leninistischen Zügen.

(H. Schröder, 2004)